Handelsblatt

30/10/2019

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Hedgefonds-Pionier Martin Lueck: "Im Bärenmarkt punkten wir"

Der Firmenchef des Hedgefonds Aspect Capital ist vom Erfolg computergestützter quantitativer Handelsstrategien überzeugt – und glaubt an Gewinne im Abschwung.

Frisch von der Universität Oxford mit einem Physik-Abschluss startete er sein Berufsleben bei Nomura mit dem Wertpapierhandel. Parallel dazu kaufte er mit seinem Freund Mike Adams eine Hewlett-Packard-Workstation, auf der die beiden programmierten und Handelsstrategien ausprobierten.

Zunächst handelten sie in Rohstoffmärkten unter anderem mit Kakao, Kaffee, Zucker, Aluminium, Kupfer und Zink. Später trafen sie David Harding, einen Physiker aus Cambridge, und gründeten Adam, Harding & Lueck (AHL), die später von der Man-Gruppe als größtem börsennotierten Hedgefonds übernommen wurde.

Der Erfolg von Aspect Capital besteht laut Lueck darin, dass die Trendfolgemodelle verfeinert und ausgebaut wurden. „Die Computer sagen uns in unseren Modellen, wann und in welchen Märkten sich Trends herausbilden“, sagt der Physiker, der seinen Abschluss an der Universität in Oxford machte. Der Manager wirbt für seine Modelle: Mit der Aspect-Strategie könne man auch im Bärenmarkt punkten und bei Kursverlusten Geld verdienen.

Lesen Sie hier das gesamte Interview

Herr Lueck, Hedgefonds sind für die meisten privaten Anleger ein Buch mit sieben Siegeln. Was genau machen Sie bei Aspect Capital?
Ich habe schon in den achtziger Jahren damit begonnen, computergestützten, systematischen Handel zu betreiben. Ich war da ein Pionier. Ich kam von der Universität Oxford mit einem Physik-Abschluss und startete beim japanischen Geldhaus Nomura im Wertpapierhandel. Parallel dazu kaufte ich mit einem Freund eine Hewlett-Packard-Workstation, auf der wir programmierten und Handelsstrategien und -modelle ausprobierten.

So begannen Sie Ihr eigenes Business …
Ja, zunächst handelten wir in sechs Rohstoffmärkten mit Kakao, Kaffee, Zucker, Aluminium, Kupfer und Zink. Das war so um 1983, und wir investierten 20.000 Pfund, Geld, das der Vater meines Freundes beisteuerte.

Wie ging es weiter?
Hier muss ich kurz etwas erklären. Wir wussten damals gar nicht, dass es in den USA schon einen viel größeren Markt gab, der sogenannte Managed Futures umfasste, abgekürzt CTAs. Damals spielte sich der Handel dort auf dem Parkett ab, es gab legendäre Figuren wie etwa John Henry, der sehr erfolgreich war mit einem Futures Fund. Heute besitzt er das Baseball-Team Boston Red Sox, den Fußballverein FC Liverpool und die Zeitung „Boston Globe“.

Besitzen Sie auch schon einen Verlag oder Verein?
(lacht) Nein, nein, mein Herz schlägt für die Physik, ich helfe der Uni Oxford, Geld und Spenden für den Studienbereich aufzutreiben.

Wie ging es mit Ihrem jungen Unternehmen weiter?
Zurück zum Handel. Wie gesagt, in den USA war alles auf den Parketthandel konzentriert, und wir in London fragten uns, was man besser machen kann. Kann man mehr Märkte in einem Portfolio abdecken, wie nutzt man Schwankungen der Preise aus und so weiter. Wir trafen David Harding, einen Physiker aus Cambridge, und gründeten Adam, Harding & Lueck (AHL), später übernahm uns die Man-Gruppe, wobei wir vor allem von deren starkem Vertrieb profitierten.

Wann kam der Durchbruch?
Unser Erfolg bestand darin, dass wir unsere Trendfolgemodelle verfeinerten und immer mehr ausbauten. Die Computer sagen uns in unseren Modellen, wann und in welchen Märkten sich Trends herausbilden. Wie lange sie dann anhalten, können wir nicht sagen. Wir erzielten in den vergangenen Jahren oftmals Gewinne aus Trends, aber in verschiedenen Märkten.

Was lief zuletzt gut?
2019 ist der Anleihemarkt der Renner, 2014 konnte man im Ölmarkt gut verdienen.

Was verdienen Sie denn mit Ihren Fonds?
Unser Diversified Fund ist nach Gebühren mit 27 Prozent im Plus in diesem Jahr. Aber 2018 war beispielsweise sehr herausfordernd, da lagen wir 14, 15 Prozent im Minus.

Ziemlich hohe Schwankungen, so etwas muss man aushalten können.
Ja, aber wir haben keine Präferenzen, was die Märkte angeht, nichts, was wir bevorzugen. Diversifizierung ist der Schlüssel zum Erfolg, wir beobachten rund 200 Märkte weltweit nach Einstiegssignalen. Und wir können auch bei Abwärtsbewegungen Geld verdienen. Mit so einer Short-Strategie konnte man im Krisenjahr 2008 einen guten Gewinn machen. 2008 war eines unserer erfolgreichsten Jahre. Auch beim Platzen der Internetblase um die Jahrtausendwende waren wir deshalb profitabel.

Wie sieht es heute aus, glauben Sie an einen Abschwung an den Märkten?
Wir haben keine Kristallkugel auf dem Tisch stehen. Viele Manager in den Pensionskassen haben den Crash 2008 miterlebt, sie haben jetzt natürlich Angst, dass der Boom an den Aktienmärkten endet. Deshalb sehen wir Zuflüsse in unsere Trendfolgeprogramme. In einem langen, zermürbenden Bärenmarkt zahlt sich unsere Strategie aus, da punkten wir.

Was erwarten Sie an den Märkten?
Unsere größten Positionen sind immer noch bei festverzinslichen Produkten. Die Zinsen weltweit sind ja weiter gefallen, die Kurse gestiegen. Deshalb halten wir immer noch unsere Anleihepositionen, und zwar weltweit – in den USA, in Europa und auf anderen Märkten.

Ist Ihr Modell heute nicht viel einfacher geworden, weil es mehr Informationen gibt?
Gute Frage. Einerseits stimmt es, aber der Wettbewerb nimmt auch zu. Man muss die eigenen Systeme laufend weiterentwickeln und die Programme und Strategien auf eine breitere Basis stellen. Wir haben zum Beispiel ein „Systematic Global Macro“- Programm, das sehr erfolgreich ist und von Unterschieden in den Volkswirtschaften profitiert.

Viele institutionelle Investoren waren in den vergangenen Jahren von der Performance der Hedgefonds enttäuscht und wendeten sich deshalb ab.
Ja, das stimmt. Das war vor allem dort der Fall, wo die Gebühren und die Leistung nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis standen. Aber generell schätzen die Investoren unsere Strategien, weil sie wenig korreliert sind, also unabhängig von den Entwicklungen an den Aktienbörsen und bei den Bonds. Das gilt besonders für Strategien, die makroökonomische Trends analysieren.

Aber die Private-Equity-Branche erzielt über Jahre hinweg zweistellige Renditen. Deshalb finden die Pensionskassen und Versorgungswerke diese Beteiligungsfonds besser als die Hedgefonds.
Folgendes dazu: Die Renditen der Private-Equity-Häuser stehen erst einmal nur auf dem Papier. Die Investments sind über Jahre hinweg illiquide, man kann nicht einfach seine Anteile verkaufen. Bei unseren Strategien kann man innerhalb weniger Tage aussteigen, wir sind ein sehr liquides Investment.

Warum soll man in Hedgefonds investieren, wenn die Rendite oftmals nur einstellig ist?
Einmal bringen Hedgefonds eine Diversifizierung zu den Kernbeständen an Aktien und Renten. Zweitens schneiden beispielsweise systematische Handelsstrategien in einem Abschwung besser ab als Aktien. Und drittens können die Depots besser abgesichert werden für unvorhergesehene Ereignisse in der Zukunft.

Wie sehen Sie die Lage aktuell?
Für jeden ist sichtbar, dass Anleihen negative Renditen bringen und die Aktien rekordhoch bewertet sind. Vielen Anlegern ist klar, dass sich die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre nicht wiederholen wird.
Aber die Volatilität ist hoch, mal liefern Hedgefonds zweistellige positive Renditen, dann wieder fallen sie zurück.
Man braucht einen langen Anlagehorizont bei Hedgefonds, das stimmt.

Sie erwähnten bereits die Gebühren. Tendenziell müssten sie doch – auch wegen des größeren Technologieeinsatzes – fallen ...
Das hängt wirklich von der Strategie ab. Bei absoluten „Momentum“-Strategien sind es ein Prozent Managementgebühr und keine erfolgsabhängige, zusätzliche Gebühr. Vor 30 Jahren war das anders, da konnte man noch sechs Prozent Managementgebühr und 15 Prozent für die Performance berechnen. Unter ein Prozent kann man aber kaum gehen, weil das Research für die Strategien nun einmal Geld kostet.

Erwarten Sie mehr Wettbewerb durch Robo-Advisors?
Bisher nicht. Das betrifft eher die Allokation beim Vermögensverwalter. Unser heißestes Eisen ist „Machine-Learning“ – also Künstliche Intelligenz (KI). Wir nutzen KI als Werkzeug, um aus dem riesigen Datenwust einen Wert zu finden beziehungsweise zu schaffen.

Macht KI nicht den Markteintritt für Hedgefonds leichter?
Sie schafft die Illusion eines leichteren Marktzutritts. Ich finde, dass es sehr schwer ist, wichtige und unwichtige Informationen für uns als Signalgeber zu unterscheiden. KI ist eine Herausforderung für die Computer. Aber ich sage Ihnen auch: 35 Jahre Berufserfahrung stehen auch für etwas und sind sehr wertvoll.

Einige Hedgefonds gehen Wetten auf virtuelle Kryptowährungen ein. Sie auch?
Momentan nicht. Vielleicht ändern wir unsere Meinung, schließlich gibt es einen Bitcoin-Kontrakt an den Terminbörsen CBOE und CME. Wir schauen uns immer neue Märkte an, aber es müssen auch bestimmte Kriterien erfüllt sein, wobei das beispielsweise die Länge der Zeitreihen oder die Liquidität betreffen kann. Aus meiner Sicht erfüllt der Bitcoin-Kontrakt alle unsere Anforderungen, vielleicht fangen wir den Handel im nächsten oder übernächsten Jahr mit unserem Programm für alternative Anlagen an.

Zum Abschluss noch eine Zukunftsfrage: Worin sehen Sie das größte Risiko für Ihre Branche?
Das größte Risiko besteht darin, dass unsere Investoren unzufrieden sind mit der Performance, also der Leistung. Das gilt vor allem dann, wenn wir in einem Abschwung an den Märkten über einen längeren Zeitraum hinweg enttäuschen sollten. Das wäre dann sehr schlecht.

Herr Lueck, vielen Dank für das Interview.

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